Meine Aussage vor der Kommission

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Meine Aussage vor der Kommission

Beitragvon Andreas » 29. Aug 2015 14:40

Meine Aussage vor der Kommission, ein Besuch in Wiesbaden.
Lieber Leser,
bevor ich auf meine große Reise gehe habe ich noch einen Besuch in Wiesbaden eingeplant. Gestern (26.8.15) war es dann so weit. Angereist mit der Bahn. ich bin um 13:39 in Wiesbaden angekommen. Ich habe mich entschlossen die 20 Minuten zur Kanzlei von Frau Burgsmüller zu laufen, um noch etwas Bewegung zu bekommen. Wiesbaden, eine außerordentliche schöne Stadt. Was mir auffiel, eine Stadt, die auch die eigene dunkle Geschichte nicht versucht zu verschweigen. So bin ich auf meinem kurzen Wege gleich an einer Vielzahl von Gedenkstätten vorbei gekommen. Ein Mahnmal, das an die Verschleppung von Sinti und Roma 1942 erinnert. Viele Stolpersteine, die Hinweise geben in welchen Häusern Juden lebten. Eine Granitwand mit hunderten von Namen, ich nehme an Kriegstote. Eine Stadt die überall sichtbar, den Bürgern der Stadt gedenkt, die durch Gewalt aus dem Leben gerissen wurden. Mir haben diese Eindrücke sehr gut getan.

In der Kanzlei angekommen wurde ich bereits von Frau Burgsmüller und Frau Tilmann erwartet. Für mich auffällig, die ausgesprochen angenehme Atmosphäre der Kanzlei, aber auch der sehr entspannte Umgang miteinander. Gleich zu Beginn, wurde geklärt, das ich bestimme, was ich erzählen möchte und was nicht. Während des ganzen Gespräches war es immer wieder deutlich, das beide sehr aufgepasst haben, mich nicht zu belasten. Das Reden viel mir leicht, ich hatte absolut das Gefühl in einem Geschützen Raum zu sein. Keinesfalls hatte das ganze Vierhörcharakter, ehr war es wie ein freundschaftliches Gespräch. Gelegentliche Zwischenfragen sind immer sehr vorsichtig an mich heran getragen worden. In dieser Atmosphäre, war es für mich recht einfach, die anstehenden Themen und Fragen abzuarbeiten, ohne das es mich zu sehr belastet hat.

In dem Teil der meine Aussage betraf, habe ich alles was mir bekannt ist zum Fall Erich Buss, zu Protokoll gegeben. Die mir angebotene Anonymität habe ich abgelehnt, und meine Aussage voll umfänglich für die weitere Arbeit frei gegeben, mit Nennung meines vollen Namen. Dieses ist mein Weg, meine Entscheidung, es wäre genauso Ok gewesen, wenn ich mich entschieden hätte, das meine Identität geheim bleiben soll.

Sehr interessant fand ich wie wichtig der Kommission das Auffinden von Zeitzeugen ist, nicht nur Betroffene sondern auch Mitwisser aus Schule, Behörden dem Umfeld. Hier wird wirklich sehr genau auch hinter die Kulissen geschaut. Auch dieses tat mir gut, das es nicht mehr so ohne weiteres möglich ist sich in die Mauslöcher zurück zu ziehen, das Verantwortliche mit ihrem Handeln konfrontiert werden, und durch die einsicht in alte Akten auch immer wieder neue Belege gefunden werden.

Der Dritte Bereich um den es ging, waren die Folgen, für uns Betroffene, gerade auch die, die bis heute wirken. Auch die Wirtschaftlichen Folgen waren von großem Interesse. Schön fand ich, das mit dem Abschlussbericht auch dieser Punkt geklärt wird.

Zu guter letzt, erhielt ich für mich fast ein wenig überraschend eine Rechtsberatung. In dieser ging es keinesfalls um Zukünftige Schadensersatzfragen, sondern viel Mehr, was mir jetzt möglichst schnell weiter helfen könne.
Dadurch das ich die letzten Jahre im Prinzip nicht Arbeiten konnte bin ich ziemlich verarmt, da ist jede Aussicht auf Unterstützung wie ein Licht am Horizont. Für mich interessant ist Hilfe aus dem Opferentschädigungsgesetz. Durchaus eine realistische Möglichkeit eine kleine finanzielle Unterstützung zu erhalten, die auch beim ALG2amt nicht als Einkommen gewertet werden darf, die ich also wirklich zusätzlich habe. Auch andere Leistungen wie Terapie (wo die Krankenkasse nicht will) oder wiedereingliederungsmaßnahmen sind nach diesem Gesetzt förderfähig.

Aber mit der Rechtsberatung nicht genug, so wurde mir außerdem Hilfe bei der Antragsstellung angeboten, die ich gerne angenommen habe. Gefreut habe ich mich als ich gehört habe, das ich schon Nummer 2 bin, der einen solchen Antrag stellt.

Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, ich sitze im ICE nach Hause, habe ich das tiefe Gefühl, es war ein guter Tag, ein wirklich guter Tag. Das gesamte Treffen hat mich auf meinem Weg der Heilung wieder um einiges weiter gebracht.
ICE, dabei fällt mir ein, ein echtes Problem für mich war das ich nicht wu?te wie ich mein Ticket nach Wiesbaden finanzieren sollte. Nachdem ich dieses Problem im Vorfeld geäußert habe, wurde mir sofort angeboten, die Reisekosten zu übernehmen, hierfür war ich sehr dankbar.

Als Resümee würde ich ziehen, was ich im Vorfeld durch die telefonischen und Mail Kontakte ja schon erlebt habe. In dieser Kommission sitzen nicht nur zwei sehr kompetente Juristinnen, die diese Aufgabe weiß Gott nicht als reinen Job sehen, sondern zwei Frauen die durch ihre langjährige Arbeit mit Betroffenen von Gewalttaten auch auf der Menschlichen Seite sehr viel Sicherheit und Unterstützung ausstrahlen.

Liebe Frau Tilmann, liebe Frau Burgsmüller, ganz lieben Dank, das ihr diesen Job macht, für die Zeit die ihr euch mit mir genommen habt, und vor allem für eure Unterstützung für uns alle.

Ein wichtiger Grund, weshalb ich diese Erfahrung mit euch teile ist, melde Dich bitte bei der Kommission als Zeuge, egal ob Du Betroffener bist, Angehöriger oder Zeitzeuge. Wir sind für jeden Dankbar, der den lang überfälligen Aufklärungsprozess nach so vielen Jahren unterstützt. Und jeder noch so kleine Hinweis kann wertvoll sein.

Hier geht’s zur Komission http://aufarbeitung-missbrauch-ehks-darmstadt.de/

Viele Grüße

Andreas
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Re: Meine Aussage vor der Kommission

Beitragvon Kolja Wlazik » 22. Nov 2015 13:57

Zwei sehr liebe Menschen!

Am Donnerstag dem 19.11.15 war ich eingeladen nach Wiesbaden zu kommen um vor der Kommission meine Aussage zu machen. Aber Aussage ist der völlig falsche Ausdruck - wir hatten ein Gespräche – nein, wir haben uns nett Unterhalten, das trifft es am ehesten!
Da auch ich aus finanziellen Gründen nicht hätte nach Wiesbaden hätte kommen können, wurden die Fahrtkosten von der Kommission übernommen. Wie ich erfahren habe, werden diese Kosten nicht, wie man annehmen sollte, mit dem Kultusministerium abgerechnet, sondern gehen zu lasten des Budgets der Kommission
Sowohl die Hin, wie auch die Rückfahrt mit dem Zug habe ich zum schreiben genutzt. Ich bin dann dem Beispiel von Andreas Ratz gefolgt, und zu Fuß vom Bahnhof zur Kanzlei gegangen und ich kann die Eindrücke von meinem Bruder nur bestätigen: Wiesbaden ist wirklich eine schöne Stadt! Auch ich bin an den Stolpersteinen hängen geblieben. Ich ging in die Knie und las die Namen und auch wenn ich sie schon wenige Minuten später wieder vergessen hatte, so war ich doch in diesem Moment ganz bei Ihnen!
Zwei wirklich liebe Menschen begrüßten mich und baten mich ins Büro. Ein Raum, der so sehr lebt, das man sich in ihm schnell geborgen fühlt. Mein größter Horror wäre es gewesen, in einem „Büro“ zu sitzen, in dem man zwischen Ledersesseln nur ein „schau mal wie toll ich doch bin“ findet. Statt dessen atmet der Raum die Persönlichkeit einer Frau, die kennengelernt zu haben eine Freude für mich ist.
Sowohl Frau Burgsmüller wie auch Frau Tillmann machten sich Notizen, aber zu keinem Zeitpunkt so das es aufgefallen wäre. Ich hatte auch zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sie einen Fragenkatalog hätten, den sie abarbeiten wollten. Nein, wir haben uns einfach unterhalten! Ja, es gab Themen die besprochen wurden, aber das Ganze hatte weder etwas von Aussage noch von Kommission.
Beide Frauen ergänzten sich auf eine Weise, dass ich das Gefühl hatte, es verbindet sie sehr viel mehr als nur die Arbeit an dem Thema sexuelle Gewalt. Ich hatte den Eindruck, sie kennen und schätzen sowohl die Stärken wie auch die Schwächen des jeweils anderen auf einer tiefen, von Respekt geprägten menschlichen Ebene.
Ich kann nur jeden bitten, selbst wenn er glaubt, er hätte überhaupt nichts zu sagen, sich mit diesen beiden Frauen zu unterhalten. Und wer meint, man solle doch die Vergangenheit ruhen lassen, dem bitte ich zu bedenken, dass es darum geht, dass man eben aus der Vergangenheit lernen sollte, und dass wir unser Schweigen brechen sollten. An den Verhaltensmustern hat sich eben überhaupt nichts geändert! Ja, man kann es heute nicht mehr ganz so leicht unter den Teppich kehren, aber hebt den Teppich doch mal hoch, es verbirgt sich jede menge Dreck darunter. Die alles entscheidende Frage die ich mir stelle: Könnte es heute wieder passieren?
Ja, es könnte, selbst an der Elly Heuss Knapp Schule könnte es heute wieder passieren!
Und darum bitte ich euch, meldet euch, damit es endlich aufhört!

Hier geht es zur Kommission http://aufarbeitung-missbrauch-ehks-darmstadt.de/

Alles liebe Kolja Wlazik
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